Marlies und Frieder berichten auf
dieser HP über die Bewältigung
ihrer Krebserkrankungen sowie
über die
Whipple-OP von Marlies
Das heutige Datum:








Die Anfänge des "boidelsche-Chat"
Mitunter denke ich, das Leben ist wie ein weiter Weg, den man beschreiten muß. Zunächst nehmen die Eltern und
Großeltern uns bei der Hand und führen uns auf den ersten Schritten. Später begegnet man seinem Partner, mit dem man
seinen Weg zu gehen gewillt ist. Wir treffen andere Menschen, mit denen wir die gleiche Richtung haben und die uns
deshalb eine Zeit lang begleiten.
Ich hatte ja nun mein Stoma 1996 bekommen. Das Internet bot die einmalige Gelegenheit, nach Menschen mit gleichem
Schicksal zu suchen. Über Umwege gelangte ich zu Rubys Homepage. Nach einiger Zeit des Überlegens ging ich
schließlich auch in den Chat. Es war ja das erste Mal, dass ich einen Chat besuchte. Ich wurde sofort gut aufgenommen.
Schon bei meinem ersten Aufenthalt im Chat spürte ich eine große Herzlichkeit. Ich glaube, ich konnte mit Ruby sogleich
einen guten Faden spinnen. Mit Ruby und den anderen aus dem Chat ging ich nun gemeinsam ein Stück von diesem langen und dann wiederum doch so kurzen Weg.
Ruby erhielt im Jahr 2000 die Diagnose Blasenkrebs. Nach einer Zeit der Depression nahm Ruby den Kampf
mit der Krankheit auf. Ein wesentlicher Teil der Auseinandersetzung mit dem Krebs war für Ruby der Aufbau einer eigenen
Homepage, eines Forums und eines Chats.
Christian, unser Webkänguru und Betreiber der "Stomawelt" beschreibt die Entwicklung in jener Zeit so:
"Ich selbst startete 1999 mit der ersten Version von Stomawelt.de. Anfang 2000 entstand das erste Stoma-Forum. Ruby war eine der ersten die sich bei mir meldeten, damals noch mit der vorsichtigen Frage ob sie denn auch Fragen zum Urostoma loswerden kann. Sie war das erste Forumsmitglied mit Urostoma ...
Irgendwann diskutierte sie mit mir und erzählte mir das sie gerne ihre Erfahrungen weiter geben möchte. Ich sagte ihr: "warum nicht eine eigene Homepage bauen?" Damals kannte ich Ruby noch nicht besonders lange und dachte eigentlich nicht das sie auf meinen Vorschlag eingeht, zumal sie sofort durchblicken lies das sie keine Ahnung hatte wie man sowas macht. Aber es dauerte nicht lange und ich bekam wieder eine Mail: 'die erste Version meiner Homepage ist fertig, schau doch mal vorbei ...'
Im Stoma-Forum hatte sich bis Anfang 2001 eine muntere Truppe zusammen gefunden die nicht mehr nur sachlich über Stoma-Themen diskutierte, sondern auch immer mehr privat Kontakt zueinander suchte. Ich war am Anfang fast überfordert damit, ich wollte nicht dass das Stoma-Forum zu einem bunten Mischmasch verschiedener Quasselecken wird, ich hatte immer zum Ziel die Disukussionen weitgehend auf dem Kernthema zu belassen. Aber der Druck der Community wurde immer größer ... und irgendwann machten sich der damals hauptsächlich aus lebenslustigen Damen bestehende Haufen einfach selbständig ... und wir hatten den ersten Chat."
Mitte des Jahres 2001 suchten viele im Internet nach einer Anlaufstation, um Fragen rund um´s Stoma und zu Krebs stellen zu können. Zunächst begegneten sich Ruby und Kurt auf der einen Seite und Helene und Bobby auf der anderen Seite. Offensichtlich kannten sich Ruby und Helene schon aus dem Internet. Ruby, die Boidelsche, wie sie sich nannte, beschreibt in der von ihr gestalteten "Boidelsche´s Nachrichten" das erste Zusammentreffen so:
"Nachdem unser Kürbis die Kreuzfahrt in Norwegen beendet hatte, sie von Kiel aus wieder Richtung Augsburg,also nach Hause musste, zog es sie förmlich dazu, in Frankfurt einen Zwischenstopp einzulegen. Boidelsche hatte sich schon um ein Hotelzimmer in der Nähe bemüht. Nachdem man sich in der fremden Stadt noch verfranst hatte, aber mit Boidelsches Hilfe doch noch im Hotel ankam, machte man sich erst einmal frisch um dann zu Boidelsche zu laufen. Komischerweise schrie, als man so in etwa in der Nähe war, eine Frau vom Balkon. Es war Boidelsche! Endlich am Ziel! Auf beiden Seiten bibberndes Erwarten. Würde man sich sympathisch finden? Sich was zu sagen haben? Nach einer Stunde beschnuppern zog man auf Kurts Vorschlag hin in ein Apfelwein Lokal, wo man einträchtig Haspel mit Sauerkraut und Püree ass. Dann wechselte man in eine Kneipe in Alt Sachsenhausen. es wurde viel erzählt und gelacht! Auch hörte man gespannt lauschend den Erlebnissen auf Behinderten Toiletten zu, die Kürbis zu berichten hatte. Quer durch Deutschland hatte Kürbis soweit es ging, alles ausprobiert. Sie hatte ja den EU-Key. Wer also die Erfahrung wissen möchte, die Kürbis da gemacht hat, kann sich ja mit ihr in Verbindung setzen. Interessant war es auf jeden Fall. Es wurde ziemlich spät an diesem Abend, die Stimmung war aber sehr gut und man beschloss, das Treffen zu wiederholen."


Mit dieser Begegnung von Helene und Boby einerseits und Ruby und Kurt andererseits wurde eine innige Freundschaft besiegelt. Die gefürchtete Krankheit "Krebs" hatte sie zusammengeführt. Die Erfahrungen von "Kürbissje" und "Boidelsche" verlangten schier danach, ausgebaut zu werden. Die Idee, ein "Chattertreffen" in Frankfurt zu organisieren war geboren.
Die User der ersten Stunde waren Ruby, Christian (Webkänguru), Helene (Kürbissje), Katya (Pudding), Aggie (Nudel), Tini65, Ulli (Ferkel) und Jan (Tulpe). Sie trafen sich regelmäßig zum Chat. Etwas später kamen Frieder(Vogt) und Christa (Helmi) zu der sich formierenden Gruppe hinzu. Ich glaube, Sabine (Minzi) und Gudrun (Ramona) waren zu dieser Zeit auch schon da. Einige User verschwanden wieder aus der Gruppe, andere kamen hinzu. Von den noch heute registrierten Mitgliedern von Chat und Forum kamen in der Zeit zweites Halbjahr 2002 / erstes Halbjahr 2003 Jutta (Knubbi), Doris (Skippy) und Marlies (Marylu) hinzu. Die genaue chronologische Reihenfolge kann ich nicht mehr nachvollziehen.
An einen ganz lieben Menschen, der auch einige Zeit mit uns gegangen ist, möchte ich hier noch erinnern - an unser Paulchen. Paulchen hatte kein Stoma. Er kam über den Krebskompass zu uns. Paulchen (mit bürgerlichem Namen Paul Holst) hatte Prostatakrebs. Er fand in unserem Chat eine Heimat und war sehr gern gesehen. Paulchen war ein sehr höflicher und netter Mann, man könnte durchaus sagen, er war von der alten Schule. Paulchen war ein Hüne von Wuchs, mindestens 1,85 Meter groß. Er signierte immer mit "eurer ganz kleines Paulchen". Als es Paulchen immer schwerer fiel, unseren Weg mitzugehen, waren es Krümel und Wolfgang, die Paulchen und seiner Frau beistanden.
Auf unserem gemeinsamen Weg war Ruby immer eine lebensfroher Mensch, jemand, der einem auch in schwierigen Situationen Hoffnung machen konnte. Im Juni, genauer am 5. Juni 2005 war es Ruby nicht mehr vergönnt, unseren gemeinsamen Weg weiter zu gehen. Bis zuletzt war es ihr Bestreben, uns, ihrem Chat und ihrem Forum alles geordnet zu hinterlassen. Sie war über jeden Beistand froh. Gleichzeitig wollte sie nicht, dass wir eine leidende Ruby in Erinnerung behalten. Ruby, wir denken an dich.
© Hans-Friedrich Büttner
letzte Aktualisierung: 24.07.2007